Wettin - die Burg und Bergstadt - das ist eine Aussage, die allen
Wettinern als Werbeslogan und nicht durch den einst gebräuchlichen
Poststempel geläufig ist.
Aber Schäferstadt Wettin? Woher könnte man die Berechtigung
für eine derartige Beifügung nehmen? Vielleicht, weil
auf den Bergen die Schafe weiden oder in der Burg Schäfer
ausgebildet wurden? Damit kommen wir dem Attribut Schäferstadt
schon sehr nahe. Zumindest berechtigt ein zwar kurzer Zeitraum
in Wettins mehr als tausendjähriger Geschichte, die Zeit zwischen
1955 bis 1991, zu der Bezeichnung Schäferstadt Wettin. In
dieser Zeit befand sich in Wettin zunächst die Zentrale Berufsschule
für Schäfer; aus der ab 1964 die Spezialschule für
Schäfer hervorging. Es war die einzige Schule mit derartiger
Spezialausbildung in der DDR. Nicht von ungefähr wurde Wettin
für eine solche zentrale Schäferausbildung ausgewählt.
Günstig für die Schäferstadt Wettin, die sie
durch Errichtung einer Spezialschule für Schäfer werden
konnte, waren mehrere Ursachen:
- die natürlichen Voraussetzungen
- die Umgestaltung der Landwirtschaft, aus Neubauern wurden
Kollektivbauern
- die Flächenzusammenlegung mit Gründung der LPG
und des VEG Tierzucht
- die Ausbildungsstätte Burg als landwirtschaftliche Berufschule
- die Nähe der Universität Halle und wissenschaftlicher
Forschung
- und nicht zuletzt staatliche Vorgaben mit dem Ziel der Zentralisierung
von Bildungseinrichtungen in Splitterberufen
Nur durch das Zusammenwirken vieler Faktoren war es möglich,
zielstrebig die Idee der Schäferschule zu verfolgen. Diese
Zielstrebigkeit zeichnete das Berufschullehrerehepaar Brudny
aus. Der Lehrer Brudny hatte den Schäfermeister Herda auf
Wettiner Fluren mit der Herde beobachtet. Sofort fiel ihm der
ruhige Umgang mit den Schafen und Hunden im Hütegeschehen
auf. Da andererseits Bestrebungen wegen einer Spezialisierung
der Berufsschule im Gange waren, beantragte er bei den übergeordneten
Instanzen eine derartige Spezialisierung zur Berufschule für
Schäfer. Aus der einstigen Berufschule für Landwirtschaft
wurde 1955 die Zentrale Berufsschule für Schäfer, Frau
Brudny war die erste Direktorin.
Da die Schäferschüler immer bei der Herde sein mussten,
waren Internatsplätze zu schaffen. Es gab sich die Organisation
des Lehrplans in der Form, dass vormittags Theorie in 14 Fächern
auf der Burg gelehrt wurde, nachmittags war Praxis in Mücheln.
Der staatliche Tierzuchtbetrieb Wettin hatte Stallmöglichkeiten
für die Schafe in Mücheln geschaffen. Herr Herda übernahm
die Stelle des Schäfermeisters beim Tierzuchtbetrieb, aus
dem 1958 das Volkseigene Gut hervorging. Damit waren die Voraussetzungen
zur ganzjährigen Herdenhaltung geschaffen und der Schäfermeister
konnte intensiver Zucht beginnen. Aufgrund der züchterischen
Leistungen und Erfolge wiederum, bot sich eine ständige
Zusammenarbeit mit der Schäferschule an. Nach der Wende wurde die Spezialschule für Schäfer
1991 in Wettin aufgelöst. Unbegreifliches geschah mit den
Eliteschafen, sie wurden hauptsächlich geschlachtet. Viele
Schäfermeister konnten und können dies überhaupt
nicht verkraften. In der Zeit nach 1991 wurde auf Wollschafe
keinerlei Wert gelegt, dennoch ist Schafhaltung auf den Wettiner
Fluren notwendig, ja sie wird staatlich gefördert, denn
der Erhalt der artenreichen Trockenrasenflora ist nur durch Hutung
gesichert. Wenn dann in einer Bauernzeitung von 1967 zum Thema
Schäferstündchen der prophetische Satz zu lesen ist: ”Die
Schäfer sterben nicht aus, auch nicht im Jahre Zweitausend” dann
ist dies mit Sicherheit richtig. Aber eine Schäferstadt
Wettin gibt es im Jahre 2000 nicht mehr.
Quelle:
Auszug aus der Chronik der Stadt Wettin von Inge Lunau, Mitarbeit
Herr Herda, Herr Kirschnik |
|